“Erlebe Gutes und rede darüber …” oder “I funk´ Di o … “
Neuigkeiten, Altbewährtes, Wichtiges und weniger Wichtiges- hier spricht der Wanderreiter mit dem Einsteiger, der Horseman mit der Horsewoman, der Bayer mit dem Sachsen und immer steht das Erlebnis und Abenteuer Pferd im Mittelpunkt. Wir freuen uns auf viele Beiträge und Kommentare und hier ist der erste zum Neujahrsritt 2010:
Neujahrsritt 2010
Seit ich vor zwei Jahren wieder in die Münchener Gegend gezogen bin, möchte ich Véronique und Ulrich Wessel mit ihrem Wanderreitbetrieb „Reiten und Relaxen“ kennen lernen. Heute ist es endlich so weit, ich habe mir den Neujahrsritt selbst zu Weihnachten geschenkt. Eine hilfsbereite Mitreiterin sammelt mich in Schwabing auf und macht so die Anreise auch ohne eigenes Auto möglich. Pünktlich um 10:15 h erreichen wir Hohenwart. Mein Pferd steht schon geputzt und gesattelt bereit. Nach einleitenden Aufsteigübungen am Holzpferd darf ich es mit „Libi“ versuchen, einer braunen Bayrischen Warmblut-Stute, die auf Umwegen hier gelandet ist. Sie zeigt sich in der kleinen Halle trotz etwas Nervosität (nicht nur den Menschen, auch den Pferden hängt die Silvesternacht noch nach…) aufmerksam und kooperativ. Ich bekomme eine „Gebrauchsanweisung“ fürs Pferd und wertvolle Tipps, um meinen Reitstil zu verbessern. Ein paar Galopprunden und Anhaltübungen später habe ich den Eingangstest bestanden.
Die anderen Mitreiter warten schon, ich bin der einzige Neuling. Sieben Gäste, darunter sogar zwei Männer, und unsere Führerin Véronique, damit sind alle Pferde des Hofes im Einsatz. Wir bekommen noch ein paar Hinweise zu Sym- und Antipathien zwischen unseren vierbeinigen Weggefährten. Dann kann es losgehen. Auf verschlungenen Pfaden bewegen wir uns durch die hügelige niederbayrische Landschaft. Wald und Wiesen wechseln sich ab, die Wege sind überwiegend sehr pferdefreundlich, wenn auch durch die vorangegangenen Regenfälle etwas aufgeweicht. Ein zarter Nebel hüllt alles ein, den ganzen Tag wird uns eine fast mystische Atmosphäre begleiten.
Als wir die erste, sanft ansteigende Galoppstrecke erreichen, erlebe ich, wie gelassen und wohl erzogen die Pferde von Reiten und Relaxen sind: jedes Pferd wird einzeln den Hügel hinaufgaloppiert und wartet dort brav auf die Nachkommenden. Einzig meine Libi hat es nicht ganz so mit dem Warten, ihre Anspannung entlädt sich beim Angaloppieren in einem ordentlichen Hüpfer, der wohl einen unerfahrenen Reiter in „Wohnungsnot“ hätte bringen können. Es bleibt aber bei diesem kleinen Ausrutscher, den Rest des Tages verhält sie sich, abgesehen von einem Schreckmoment durch kläffende Hunde, mustergültig und ich fühle mich auf ihr so sicher aufgehoben, dass ich mir kein besseres Pferd hätte wünschen können. Sie ist in jeder Gangart angenehm zu reiten und leicht zu regulieren. Wie alle Pferde der Gruppe ist sie gebißlos mit einem Sidepull gezäumt, womit sie sich fein und willig durchs Genick stellen lässt. Der bequeme, mit Lammfell bezogene Westernsattel vervollständigt den Komfort.
Auch alle anderen Pferde machen ausnahmslos einen gepflegten, wachen und freundlichen Eindruck. Sie sind gut ausgebildet und kennen ihre Aufgabe, die sie mit einer Gelassenheit erfüllen, die mich beeindruckt. Véronique schafft dafür die Voraussetzungen, in dem sie vor jedem Gruppengalopp in aller Ruhe die beste Reihenfolge festlegt und auch sonst in jeder Situation souverän bleibt. Kein Pferd heizt sich auf oder zeigt Anzeichen übertriebener Nervosität. Die Pferd-Reiter-Paare sind überlegt zusammengestellt, so dass aus einer recht inhomogenen Reiterschar eine harmonische, zufriedene Gruppe wird. Zwei erwachsene Anfänger erleben auf diesem Ritt ihre ersten Geländegalopps. Eine erfahrenere Reiterin kann mit einem Traber, der seiner Rasse alle Ehre macht, das Angaloppieren üben. Und die jüngste Teilnehmerin wird sicher nicht so schnell vergessen, wie ihr Frisco, der sich bisher eher unauffällig im Hintergrund gehalten hat, mit einem unzweifelhaften Ausdruck von Stolz im Gesicht an allen anderen Pferden vorbeimarschiert, um die Gruppe an einem „Schreckmoment“ vorbei zu führen.
Mittags erwartet uns Uli mit dem Pferdhänger, in den zu meiner Überraschung eine ganze Biertisch-Garnitur passt. Nur dem kleinen Traber ist die Sache nicht ganz geheuer, er erschrickt, reißt sich los und galoppiert frei an den anderen Pferden vorbei, die gerade an der Hand grasen dürfen. Köpfe schnellen hoch, Luft wird geräuschvoll durch die Nase geprustet, doch weiter passiert nichts. Alle anderen Pferde bleiben brav bei ihren Menschen – und auch der Möchtegern-Ausreißer lässt sich problemlos wieder einsammeln. Wir werden mit köstlichem Apfel-Glühwein verwöhnt. Dann füllen wir gemütlich unsere leeren Mägen mit heißer Kürbissuppe vom Holzfeuer. Die Pferde sind derweil am Hochseil angebunden und warten geduldig. Auch sie bekommen schließlich noch ein kleines Picknick.
So gestärkt vergeht der Heimweg wie im Fluge. Die Pferde sind motiviert und freudig bei der Sache. Die Reiter haben Zeit für das eine oder andere Schwätzchen. Nach insgesamt fast fünf Stunden sind wir wieder am Stall. Erst werden die Pferde versorgt, dann gibt es zum Ausklang noch heißen Tee und Plätzchen für die Teilnehmer. Wir sind uns einig: Eine rundum schöne Art, das neue Jahr zu begrüßen – dank der liebevollen und kompetenten Gestaltung durch Uli und Véronique.
Von Hedwig Emmerig
